Ich bin frustriert

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Ich habe mich die Tage für ein Marketing-Webinar angemeldet, denn sind wir ehrlich: Allein im Home-Office sind neue Arbeitsimpulse eher rar gesät. Und so dachte ich, ich tue mir mal wieder ein bisschen Business-Realität an – und bin prompt in irgendeine „New Age Money Attraction Higher Self Business“-Veranstaltung geraten. Nach zehn Minuten habe ich frustriert den Zoom-Call verlassen und etwas Sinnvolleres mit meiner Zeit gemacht; nämlich Abendessen gekocht.

Was war dem vorausgegangen? Nun, es fing so an, dass das, was in den folgenden Minuten vorgetragen wird, „alles im Geist der Verhandlung steht“ und „alles Wissen vorläufig ist“. Frei nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, denn „wir Menschen sind alle zyklische Wesen“ und „unsere Wahrheiten können sich drehen“. Nein, können sie nicht. Es fängt schon damit an, dass es keine individuellen Wahrheiten gibt. Die Wahrheit ist eine universelle Tatsache. Ob du oder ich sie kennen, ist natürlich etwas anderes. Aber wenn von der „eigenen Wahrheit“ geredet wird, dann sind das schlicht Meinungen oder Wahrnehmungen.

Mit unglücklichen Menschen Geld verdienen

Doch das war nicht das letzte Mal in dieser Woche, in der ich mich ernsthaft fragte, in welcher Seifenblase manche Leute eigentlich sitzen. Mich erreichte eine Mail, in der Menschen, die sich gerade in einer „totalen Verwirrtheit“ befinden, in einen „geschützten Heilraum“ eingeladen werden.

Es ist doch ziemlich klar, woher diese Verwirrung kommt: Lieschen spürt, dass irgendetwas im Umbruch ist und ist vielleicht auch mit der aktuellen Gesamtsituation nicht ganz zufrieden. Erste Zweifel tauchen auf, ob in den letzten Jahren alles richtig und gesund war. Dieses Gefühl ist neu, sie kann ihre Rolle noch nicht genau erkennen und sucht nach Impulsen.

Eigentlich wäre das jetzt eine wunderbare Möglichkeit, mal etwas ganz anderes zu denken oder sogar aus dem gelernten System auszubrechen – wenn auch zunächst nur gedanklich. Nein, stattdessen wird diese Energie im neospirituellen Raum unter einer dicken Schicht weißer, flauschiger Wattebäusche erstickt. „Atmen. Anschauen und Annehmen, was da ist. Das Nichts aushalten, Gefühle fühlen. Du bist richtig, wo du bist.“

Verloren im Nirgendwo? Ach, du wundervoller Mensch…

Lieschen könnte aber auch beginnen zu lernen und zu verstehen, Eigenverantwortung zu übernehmen, ins Tun zu kommen, etwas zu bewegen, ihr Leben zu ändern und neue Routinen zu schaffen. Vielleicht sogar die Wattebäusche einmal beiseitelegen und die Energie freilegen, die darunter steckt.

Aber darum scheint es in dieser Szene nicht zu gehen. Es geht nicht darum, Menschen wieder glücklich zu machen, sondern darum, kurzfristig ein gutes Gefühl zu verkaufen – à la „deine verdiente Auszeit am Wochenende“. Und von Montag bis Freitag darfst du dich weiter durchs Leben kämpfen, mit all deinen Fragen, die du ab und zu für 320 € in einem 3‑Tage-Seminar oder bei einem Lifecoach stellen darfst. Der übrigens auch ein absolut bewusstseinsveränderndes Buch geschrieben hat (19,95 €). Serviert wird dir irgendeine „verhandelte Wahrheit“ – und nur selten die eine.

Ich bin frustriert

Ich bin frustriert, weil ich erkennen musste, dass die Welt krank ist.
Ich bin frustriert darüber, wie viel Energie wir investieren, um sie krank zu halten.
Ich bin frustriert, weil ihre Heilung eigentlich so einfach wäre.
Und ich bin frustriert, weil so wenige bereit sind, das Offensichtliche zu sehen.

Und gerade weil es so offensichtlich ist, bleibt ein Rest Zuversicht.

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