Sesam- oder Kokos-Öl für die Abhyanga?
Ich erinnere mich noch gut an meine erste professionelle Abhyanga Massage vor einigen Jahren. Ich war etwas aufgeregt, wurde in einen warmen, freundlich eingerichteten Raum im Dachgeschoss einer kleinen Wohnung irgendwo in der Altstadt geführt. Ein mir unbekannter, würziger Duft lag in der Luft, das Licht etwas gedimmt, der ganz leise Trubel einer Stadt im Sommer im Hintergrund. Zuerst gab es ein Gespräch, ein Konstitutionstest und noch eine Pulsdiagnose. Anschließend tauchte ich neunzig Minuten in einer anderen Welt ab.
Ganz ohne Gequassel und sonstiger Ablenkung, wurde ich von oben bis unten, nach einer bestimmten Abfolge, mit warmem Öl massiert, gesegnet und die Kanäle wieder verschlossen. Danach war ich ein anderer Mensch.
Als ich wieder zum Auto lief war alles heller, lauter und greller. Ich fühlte mich feiner und empfindlicher, irgendwie mehr da als vorher. Nicht entspannt wie nach einer Wellness-Massage, sondern offen, fast so als hätte jemand eine Tür aufgestoßen oder den Schleier von den Augen entfernt.
Das war der Moment, in dem ich erkannte, dass da etwas ist, das ich näher kennenlernen wollte.
So eine professionelle Massage ist etwas Wunderbares, und wenn die Gelegenheit besteht, würde ich sie jedem empfehlen, weil sie, richtig ausgeführt, etwas Tieferes in Gang setzt. Aber Ayurveda ist natürlich nicht nur für die, die sich 90 Minuten bei einer Therapeutin leisten können. Die Selbstmassage zuhause ist einfacher als sie klingt, und sie wirkt.
Was das Öl mit dem Gewebe macht
Die erste Frage ist natürlich die nach dem Öl. Sesam oder Kokos? Ich frage anders: Was soll das Öl überhaupt tun?
Öle wirken nicht alle gleich auf die Haut. Manche wärmen, manche kühlen, manche ziehen tief ein und andere bleiben eher an der Oberfläche.
Sesamöl dringt beispielsweise tief ins Gewebe ein. Es wärmt, nährt und stärkt das Nervengewebe. Für die meisten Menschen, besonders im Herbst und Winter, ist es das Öl der Wahl. Im Ayurveda gilt es als Vishwabheshaja, also als universelles Heilmittel.
Kokosöl ist dagegen leichter, zieht langsamer ein und kühlt. Im Sommer oder bei ausgeprägtem Pitta, also bei Menschen, die schnell überhitzen oder zu Entzündungen neigen, ist das genau das Richtige. Im Winter bei einer Vata-Konstitution, also bei jemandem der dauernd friert, trockene Haut hat und sich schlecht erdet, wäre Kokosöl eher kontraproduktiv. Es mag im Gegensatz zum Sesamöl etwas besser oder gefälliger riechen, aber darum geht es bei der Abhyanga ja nicht wirklich.
Mandelöl liegt dazwischen. Es ist neutral, sanft und sehr gut verträglich, daher auch oft in kosmetischen Ölen oder als Trägeröl für aromatherapeutische Anwendungen mit drin. Für schwerere Kapha-Typen ist das oft besser als Sesam, weil es leichter ist. Auch für empfindliche (Baby-)Haut ist Mandelöl eine sehr gute Wahl.
Wann welches Öl
Die einfache Faustregel:
Sesam im Herbst und Winter, oder wenn du zu Vata neigst: Trockenheit, Unruhe, Kälteempfindlichkeit, Schlafprobleme.
Kokos im Sommer, oder wenn du eher Pitta bist: Hitze, Reizbarkeit, Entzündungsneigung.
Mandel das ganze Jahr, wenn du es einfach halten willst oder du Sesam nicht magst.
Wer sich nicht sicher ist: einfach ausprobieren. Der Körper zeigt es meistens schnell. Wenn Sesamöl sich schwer oder klebrig anfühlt, ist Mandel vielleicht besser. Wenn Kokosöl sich im Winter nach zu wenig anfühlt, stimmt das Gefühl.
Es sollte nur unbedingt ein kaltgepresstes Öl in Bio-Qualität sein, und bitte kein raffiniertes Speiseöl aus dem Discounter. Das ist der einzige Punkt, bei dem man nicht sparen sollte.
Und wie geht das nun zuhause?
Das Öl wenn möglich leicht erwärmen, entweder kurz in den Händen reiben oder das Fläschchen für ein paar Minuten in warmes Wasser stellen. Wer keine Zeit oder keine Lust auf den ganzen Körper hat, kann auch nur die Beine und den Bauch einölen, oder nur Schultern, Nacken und Rücken. Wer täglich fünf Minuten mit warmem Öl und etwas Aufmerksamkeit in den Körper investiert, macht schon mehr als die meisten — und praktikabel soll es ja auch sein, sonst macht man es eh nicht.
Die klassische Abfolge geht immer von den Extremitäten hin zur Körpermitte. Die Gliedmaßen lang streichen und kreisende Bewegungen auf den Gelenken. Dann einwirken lassen, warm duschen, aber das Öl dabei nicht vollständig abwaschen.
Wer es besonders mag, kann natürlich mit passenden ätherischen Ölen mischen oder in ein gutes, gereiftes ayurvedisches Kräuteröl investieren. Alleine der Geruch und dadurch die Erinnerung bringt mich immer wieder zurück in Balance. Wenn es stressig wird, reicht da manchmal nur ein Tropfen.
Für Fragen zur Ölauswahl bei spezifischen Themen: Aromaberatung
