Irgendwann, nach einer langen Reise voller Eindrücke, Ideen und Irrwege, wächst in den meisten von uns der Wunsch anzukommen. Wer lange genug durch verschiedene Zeit- und Klimazonen des Lebens gereist ist, erkennt irgendwann Muster. Und genau das führt dazu, dass man weiß, wo man sein Haus bauen möchte, welche Grundsteine man benutzen muss, damit alles stabil, langlebig und in Harmonie bestehen kann. Freiheit bedeutet dann nicht mehr, alles ausprobieren zu müssen und ziellos herumzuwabern. Freiheit kann auch heißen: sich zu binden. Freiwillig.
Gerade Menschen auf spiritueller Suche wirken oft orientierungslos. Doch meistens sind sie eher überorientiert. Im New-Age-Internetzeitalter gibt es einfach zu viele Wege, zu viele Versprechen und zu viele Traditionen, aus denen man sich dann irgendetwas zusammenbastelt, das ganz nett aussieht, aber letztlich die Tiefe einer Pfütze hat. Ein Überangebot an Möglichkeiten führt nicht zu Freiheit, sondern zu einer Art wohlig-wattierten Zerstreuung, die sich nach Erkenntnis anfühlt, aber selten welche bringt.
Und irgendwann kratzt es dann doch irgendwo: Die eigentliche Sehnsucht liegt im Ankommen. Innen wie außen.
Freiheit durch das Ende der Fremdbestimmung
Wenn man lange genug sich alles mal so angeschaut hat, merkt man, dass die größte Fremdbestimmung gar nicht mehr nur von außen kommt. Sie sitzt im eigenen Kopf. In übernommenen Wahrheiten, in Erwartungen, in Konzepten, die kulturell oder gesellschaftlich verankert sind. Und genau hier treffen sich zwei Traditionen, die man normalerweise nicht in denselben Satz packt: Anarchismus und Buddhismus.
Beide stellen dieselbe Frage: Wer bestimmt eigentlich über mich – und warum lasse ich das zu?
Aber hier vorab noch eine kurze Begriffs-Klärung: Anarchismus hat nichts mit Chaos, brennenden Autos oder einer „alles egal“-Haltung zu tun. Anarchismus bedeutet einfach nur Nicht-Herrschaft.
Wikipedia sagt es so: „Anarchismus ist eine politische Ideenlehre und Philosophie, die Herrschaft von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von Freiheit ablehnt.“ Stattdessen setzt er auf freiwillige, selbstbestimmte Gemeinschaften, die moralischen Regeln folgen, die nicht erst erfunden werden müssen.
Und hier kommt Buddha ins Spiel.
Der historische Siddhartha Gautama stellte religiöse Autoritäten und soziale Hierarchien infrage (gerade im Kontext Indien) sowie die Idee, dass Wahrheit „von oben“ kommt:
„Glaube nicht, was dein Lehrer dir sagt. Glaube nicht, was in Büchern steht. Glaube nicht, was viele Menschen tun. Sondern gehe in dich, finde es für dich heraus und lebe danach.“
Und das ist, meiner Meinung nach, schon ein bisschen anarchistisch, oder?
Die gemeinsame Schnittmenge: Selbstverantwortung
Anarchistische Ethik bedeutet, dass nichts einfach so hingenommen wird, weil es halt schon immer so war oder nur weil es jemand behauptet. Daraus ergeben sich drei ziemlich einfache Prinzipien:
- Freiheit ohne Herrschaft
- Keine Regeln ohne Begründung
- Keine Hierarchie ohne Zustimmung
Im Grunde geht es darum, was wir wirklich für ein gutes Miteinander brauchen – und was wir nur aus Gewohnheit, Bequemlichkeit oder Angst mit uns herumschleppen.
Ein sehr ähnlicher Gedanke taucht im frühen Buddhismus auf. Dort heißt es:
- Keine Erlösung durch Institution
- Keine Befreiung durch Rituale
- Keine Wahrheit ohne eigene Erfahrung
Beides kommt in einem Punkt zusammen: Selbstverantwortung.
Was du nicht willst, was man dir tut …
Jede Handlung hat Konsequenzen. Psychologisch, moralisch, gesellschaftlich. Ursache und Wirkung – mehr ist es nicht. Und genau darauf beruhen die Naturgesetze, die völlig unabhängig davon funktionieren, woher man kommt, welche Religion man hat oder ob man überhaupt etwas glaubt.
Das wiederum erinnert stark an das buddhistische Karma, das im Kern nichts Mystisches ist, sondern übersetzt schlicht „Wirkung-Tat“ bedeutet. Ein universelles Prinzip, das ohne himmlische Belohnung oder Absolution auskommt aber dennoch eine Riesen Portion Eigenverantwortung und Verantwortung gegenüber allem anderen mit sich bringt.
Das alles hat erstaunlich wenig mit steinewerfenden Tagdieben oder lethargischen Mönchen zu tun aber sehr viel mit Arbeit, oder? Vor allem mit der Arbeit an sich selbst. Ein bisschen Disziplin gehört halt schon dazu, wenn man frei sein will, innen wie außen.
Ein Satz, den ich kürzlich hörte, bringt es gut auf den Punkt:
„Reagiere auf Schaden mit Nutzen.“
Und am Ende läuft alles auf denselben Kern hinaus – den Kern des Buddhismus, der gleichzeitig der Kern jeder echten Freiheit ist:
Damit alle Lebewesen glücklich werden.

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