EINE KELTISCHE YOGI MIT DREADS?

Sorry, aber ich gehe die Wände hoch, wenn jemand behauptet meine Dreads wären kulturelle Aneignung. Denn leider wird oft vergessen, dass in verschiedenen Kulturen zu verschiedenen Zeiten diese Frisur getragen wurde. Ich sehe es ehrlich gesagt auch kritisch im Nachhinein als Rassist bezeichnet zu werden, wenn ich als Kind Cowboy und Indianer gespielt habe oder, wenn an Dreikönig der Markus als Melchior vor der Türe stand.

Kein Kind und vermutlich auch kein Erwachsener hatten bei uns damals auch nur im entferntesten einen rassistischen Hintergedanken im Sinn. Hier unterstellt man (kindlicher) Unbefangenheit eine boshafte Absicht und beugt sich einem neuen Anpassungsdruck. Man spielte einfach Karl May nach, tauchte ab in Fantasiewelten, träumte von fremden Ländern und Kulturen und paffte dann mit einem angebrannten Strohhalm mit seinen Freunden die Friedenspfeife.

 

Ich würde mir wünschen, wir könnten uns alle auf Augenhöhe begegnen. Als Mensch. Ohne Überhöhung und Erniedrigung. Denn das, meine Lieben, ist gelebte Gleichberechtigung. Wenn es nur um das wie-du-mir-so-ich-dir geht oder darum, wer am lautesten schreit und heult, ist es Kindergarten.
Keine Frage, Menschen aufgrund welcher äußeren Merkmale auch immer zu benachteiligen war, ist und wird niemals richtig sein. Doch Rassismus ist auch keine Einbahnstraße – das sollte bei aktuellen Debatten nicht vergessen werden. Ich wurde im Ausland auch schon als Nazi beschimpft, nur aufgrund der Tatsache, dass ich Deutsche bin. Für Dinge, die andere Menschen vor meiner Zeit gemacht haben, kann ich genauso wenig wie du, doch diese Tatsache klebt an meiner Geburtsurkunde wie Scheiße am Schuh.
Auf der anderen Seite muss ich lächeln, wenn in Japan jährlich, ganz stilecht mit Dirndln, Haxn und Blasmusik, das Oktoberfest gefeiert wird. Könnte man jetzt als kulturelle Aneignung sehen, auch wenn bis 1930 niemand mit Dirndl und Lederhosen auf die Wiesn ging. Aber hey, wenn sie Spaß dran haben und vielleicht auch bei dem ein oder anderen Interesse abseits von Schloss Neuschwanstein, Bier und Kuckucksuhren für die deutsche Kultur geweckt wird, why not. Als rassistisch empfinde ich das Nachspielen eines Stereotyp-Deutschen in Lederhosen jetzt nicht wirklich, oder sollte ich?

 

3 SONNENGRÜSSE MACHEN DICH NICHT ZUM YOGI

Man muss immer das ganze Bild betrachten und darf den Kontext nicht außer Acht lassen. Rassismus, kulturelle Aneignung und reines Interesse an fremden Kulturen sind meiner Meinung nach drei verschiedene Dinge.

Winnetou nachspielen sehe ich als harmlos an, weil es unter dem Kontext einer fiktionalen spielerischen Nacherzählung steht. Wenn aber Hans Müller meint, ohne je mit amerikanischen Ureinwohnern in Kontakt getreten zu sein, er müsse nun einen auf Schamane machen und künftig mit einer gekauften Adlerfeder und exotischen Kräutertränken einen auf Freizeitindianer vom Stamme der Breisgauer Shoshonen machen, PLUS dafür noch Geld zu verlangen, finde ich das schon etwas fragwürdig.

 

Gleiches gilt für die Yoga Bewegung. Vorab, ja ich selbst praktiziere Yoga, aber auch da habe ich bereits einen Weg hinter mir, bei dem ich viel für mich hinterfragt habe. Ich finde die Philosophie in ihren Ansätzen interessant aber du wirst bei mir, aus Gründen, keine yogisch-dekorativen Artifakte finden. Hier stelle ich mir die Frage, ob wir uns gerade das Heiligste aus den Kulturen ziehen müssen und diese auf merkwürdige Weise entfremden?

Sind wir ehrlich. Die Tempel und Ashrams profitieren nicht schlecht vom westlichen Yoga-Hype. Osho & Co hätten nie diese Plattform erhalten, wenn spirituell ausgehungerte West-Hippies in den frühen 70ern nicht ihr Geld nach Indien getragen hätten. Wieder zurück in Europa und den USA, hatten sie nicht nur Weisheit und Erleuchtung, sondern eben auch einen neuen Lifestyle im Gepäck.

Was mit Räucherstäbchen, orangen Gewändern und Shiva-Figürchen anfing, hat sich mit den Jahren zu einem, allein in den Staaten milliardenschweren, Geschäftsmodell hochgemausert.

„Nehmen wir Lululemon, […]. Ihr Slogan lautet „Das ist Yoga“. Was implizieren sie? Yogahosen kaufen ist die Definition von Yoga? Heilige Sanskrit-Begriffe auf BH-Trägern und Hosen zu drucken, ist Yoga? Wenn du mich fragst, gibt es heute kein besseres Beispiel für die kulturelle Aneignung von Yoga. Viele Bekleidungs- und Lifestyle-Marken haben Yoga und die indische Kultur völlig außer Acht gelassen und ihren moralischen Kompass im Namen der Gewinne aufgegeben. Solange Menschen ihre Produkte kaufen, haben sie (die Yoga Brands – Anm.) keinen Grund, sich zu ändern. […] Und ich habe die Inklusivität nicht einmal erwähnt. In der Werbung dieser Marken wird normalerweise keine einzige indische Person gezeigt. Sehen Sie das Problem hier?“ (Auszug aus dem Artikel „How we can work togehther to avoid cultural appropiation in yoga“)

Ja, wahrscheinlich, weil eine indische Yogi in einer bunten Spandex-Leggings mit einem fetten Ohm-Zeichen auf dem Hintern niemals so vor ihren Guru treten würde.

 

Ich glaube allerdings schon, dass es einem Europäer möglich ist die Yoga Philosophie zu leben und im Sinne des Ursprungs weiterzugeben. Ebenso kann ein Asiate auch ein christlicher Pfarrer sein, aber das sind dann ganz andere Qualitäten, die da mitschwingen. Das ist keine Aneignung, sondern ein ernsthaftes Interesse am Erhalt einer Lehre und deren Ausübung. Der Yoga ist ein Weg, eine Philosophie und mehr als eine Abfolge von Asanas.

In der Regel ist es doch schon so, dass Yoga eher als ein Work-Out mit netten Namasté-Gimmicks ausgeübt wird. Asanas sind wunderbare und sehr durchdachte Übungen, die sich positiv auf Nerven, Faszien, Muskeln und das Drüsensystem auswirken. Wie gesagt, ich mache das ja selbst, weil es eben guttut.

 

 

HABEN WIR KEINE EIGENE SPIRITUELLE PRAXIS?

Was ich aber nicht mehr mache ist zum Beispiel zu chanten oder mich mit einem Namasté aus der Stunde zu verabschieden. Da fällt für mich zum Beispiel Kundalini Yoga, obwohl es eine sehr energetische Praxis ist, raus. Ich habe es probiert aber ich räsoniere nicht damit, sondern empfinde eher ein unwohles Gefühl dabei. Nicht weil ich politisch korrekt sein will, sondern, weil ich kein Sanskrit spreche und keine indischen Götter verehre. Die Aussage, dass es egal ist, wenn man nicht versteht, was man da gerade von sich gibt, weil es nur um die Schwingung der Silben geht, teile ich nur bedingt. Ein Ohm als Grundton zu tönen oder sich eine Klangschale auf den Bauch zu legen ist das eine, aber 5 Minuten „Ad Guray nameh“ chanten etwas Anderes.

Man muss nur mal einen Rosenkranz-Gottesdienst besuchen um die Parallelen zu einer Mala Meditation zu erkennen. Viele Kulturen und Religionen haben ähnliche rituelle Abfolgen, Gebete, Auffassungen von einem guten und gesunden Leben inkl., warum muss es für mich dann unbedingt in Sanskrit sein? Das ist doch lächerlich.

 

Genau diese Erkenntnis brachte mich dann zu der Frage, was ist eigentlich so schlecht an den gregorianischen anstatt den tibetischen Mönchsgesängen? Wieso meinen wir in schamanischen Ritualen mehr Halt und Heilung zu finden als in alten keltischen Zeremonien?
Übrigens, Hans Müller, sind die auch gar nicht so verschieden, nur eben angepasst auf unsere Herkunft und Natur. Leider ist im Rahmen der Inquisition viel Weisheit und Wissen verloren gegangen und wurde später leider auch nicht mehr so populär. Ich bin froh, über Autoren, wie beispielweise Wolf Dieter Storl, der Parallelen aufzeigt und eine Brücke, von unserem alten Wissen, zur indischen oder indianischen Philosophie, schafft. Auch Manfred Ehmers „Weisheit des Westens“ hatte ein paar Aha-Momente parat, was unsere eigene Geschichte betrifft und welche Kulturen durch verschiedene Strömungen mitgeprägt wurden.

 

So finde ich mich langsam in dem Dschungel der Lebensstile zurecht. Ich übe gerne Yoga Flows aber deswegen muss ich keine Hindu-Götter anrufen, schon gar nicht, weil es schick ist. Ich muss mir auch keine Bilder von Yantras an die Wand hängen – vermutlich auch noch in einer falschen Farbkombination, weil es so besser zum Sofakissen passt. Aber ich weiß auch, warum mich das eine oder andere anspricht, weil es eben auch irgendwie ein Teil hiesiger Traditionen ist. Das ist keine Aneignung, sondern ein Back to the Roots.

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